Erste Eindrücke aus Kanada: Worüber ich berichte

Es gibt in Kanada Landstriche, in denen mehr Elche leben als Menschen, Steppen, so weit und flach, dass sie sich im Horizont biegen und Dörfer, deren Einwohner noch von Jagd und Fischfang leben. Das sind zumindest die Bilder, die vor meiner Abreise meine Vorstellung von Kanada geprägt haben – Bilder aus ARTE-Dokumentationen und GEO-Artikeln, Bilder aus den Träumen meiner Kindheit.

Aber natürlich ist Kanda so viel mehr. Ich werde mindestens ein Jahr hier leben und in dieser Zeit langsam eintauchen in das Land, seine Kultur, Gesellschaft und Natur. In meinem Blog halte ich diese Eindrücke fest, für meine Freunde, meine Familie und meine ehemaligen Kollegen in Nürnberg, mit denen ich meine Erfahrungen teilen möchte.

Schon nach den ersten Wochen haben sich Themen für den Blog herauskristallisiert: Da ist zunächst Toronto, die größte und meines Erachtens auch lebendigste kanadische Stadt, die Stadt in der ich nun lebe. Toronto ist eine Art Brückenkopf des Landes: Hier kommen sie an, Immigranten, abenteuerlustige Touristen und Arbeitssuchende aus aller Welt. Und viele von ihnen haben hier Wurzeln geschlagen und prägen die Stadt mit ihrem Essen, ihren Festen und ihren Traditionen.

Torontos Gesicht wird von Kulturen der ganzen Welt geprägt

Anfangs war es ungewöhnlich für mich, überall in der Stadt von Menschen aller Hautfarben und Nationalitäten umgeben zu sein. Mittlerweile ist es für mich normal, abends mal eben zum Mexikaner oder zum Äthiopier essen zu gehen, nach dem Klettern in Chinatown eine Nudelsuppe zu schlürfen oder in Little Italy einen Espresso zu trinken. Allein das Essen in Toronto bietet Stoff für eine ganze Buchserie.

Wer in Toronto ankommt, dem sticht Downtown mit seinen riesigen Bürotürmen und Wohnwaben als erstes ins Auge. Toronto wirkt an dieser Stelle geschäftig, glatt und grau. Hier herrscht offensichtlich das Geld. Wer aber tiefer in die Stadtteile und Szenen eintaucht, der merkt schnell, dass Toronto in seiner Vielfalt nahezu undurchdringlich ist. Die Stadt ist ein riesiger, bunter, pulsierender Organismus.

Wir Deutsche träumen vom wilden Kanada

Kanada ist seit meiner Kindheit ein Traumland gewesen. Wir haben eine große Karte von Nordamerika vor uns ausgebreitet und uns ausgemalt, wo wir unser Blockhaus hin bauen – möglichst tief in der Wildnis sollte es stehen, in der Nachbarschaft von Elchen.

Wer in Deutschland an Kanada denkt, der denkt meist an Wildnis, wie etwa an undurchdringliche Wälder und an kristallklare Flüsse, an deren Ufern drollige Bären nach Lachsen fischen. Kanada ist eine optimale Projektionsfläche für die Sehnsüchte derjenigen, denen das moderne Leben zu hektisch ist und die gerne aussteigen möchten.

Selbstverständlich ist die Wirklichkeit ein wenig komplexer: Vielerorts existiert sie noch, die kanadische Wildnis unserer Träume, mit einer unglaublichen Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Und die Natur wird konsequent konserviert in riesigen Nationalparks, wie etwa dem Algonquin Nationalpark in Ontario. An anderen Orten ist allerdings wenig übrig von der ursprünglichen Schönheit des Landes. Die Natur dient hier in erster Linie als scheinbar unerschöpflicher Rohstofflieferant.

Das Ölmonster ist Kandas Goldesel

Kanada ist unglaublich reich. Neben Holz und Ackerland bietet das Land Metalle, Uran und Öl. Der Abbau prägt ganze Landstriche. Besonders umstritten ist der Abbau von Ölsand in Alberta. Luftaufnahmen zeigen riesige Abraumhalden und bunt schillernde Seen, in denen das Öl mit toxischen Lösungsmitteln herausgewaschen wird.

Bei mir, als Deutscher mit stark ausgeprägtem Umweltbewusstsein, stellen sich bei solchen Bildern die Nackenhaare auf. Andererseits ist die Ölindustrie extrem bedeutend für die kanadische Wirtschaft. Sie sorgt für Wohlstand in ansonsten wirtschaftsschwachen Regionen und schafft tausende Arbeitsplätze. Wer an Orten wie „Fire Bag“ arbeiten und dort in transportablen Containern wohnen möchte, der kann sich in ein paar Jahren eine goldenen Nase verdienen.

Wo Winnetou noch mit Braunbären rauft

Auch das europäische Bild vom „edlen Wilden“ werde ich irgendwann in diesem Blog aufgreifen. Ein sehr sensibles Thema: Schon alleine der Ausdruck „Indianer“ kann mich in Kanada den Kopf kosten, er gilt als verächtlich und rassistisch – immerhin leben 1,5 Millionen Aborigines in den kanadischen Großstädten und in rund 860 Reservaten. Sie sprechen 65 verschiedene Sprachen bzw. Dialekte.

Im Gegensatz zu den USA genießen die Ureinwohner in Kanada einen besonderen Status, sie werden ökonomisch, politisch und intellektuell unterstützt. Kanadische Autoren, wie etwa Joseph Boyden, lassen ihre Traditionen und ihre Geschichte wieder lebendig werden. Dennoch müssen die kanadischen Aborigines bis heute um Anerkennung kämpfen und sie werden nach wie vor vielerorts diskriminiert und ausgebeutet.

Selbstverständlich werde ich über diese Themen hinaus auch über Dinge berichten, die mir im täglichen Leben begegnen und ich werde hin und wieder einen Blick auf aktuelle Ereignisse werfen – so wie etwa das Zugunglück in Lac Megantic (Quebec) oder die Überflutung Torontos im Juli.

4 thoughts on “Erste Eindrücke aus Kanada: Worüber ich berichte

  1. Jan

    Das ist ganz interessant tiefere Einblicke aus Sicht eines Europäers über Kanada zu bekommen.
    Ich bin gespannt worüber du nächstes mal berichtest.

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  2. Ernst

    Wahrscheinlich werde ich auch mein Bild von Canada korrigieren müssen, wenn ich deine Beiträge lese. Und irgendwann möchte ich natürlich auch deine Schilderungen vor Ort persönlich überprüfen. Ich freue mich schon auf den nächsten kleinen Traum.

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  3. Biggi

    Das hört sich ja schon wie eine richtige Liebeserklärung an das Land an – da bekomme ich auch so richtig Lust euch mal zu besuchen!! Naja, das muss wohl noch ein bisschen warten… Ich freu mich auf jeden Fall schon auf den nächsten Bericht!

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  4. oliver jung-kostick

    hallo,

    vielen dank für ihren persönlichen einblick. ich bestreite allerdings, dass kanada hier in deutschland ausschließlich als “unberührte natur” wahrgenommen wird. es ist eher ein nebeneinander von natur und städten wie toronto, ontario, quèbec, vancouver, das wahrgenommen wird, und das tatsächlich ja auch zutrifft, da die meisten kanadier in städten leben, und im umkehrschluss das eigentliche “land” dann auch eher sehr dünn besiedelt ist. in deutschland wissen zudem viele menschen, dass sie aufgrund ihrer beruflichen qualifikationen im gewerblich-technischen bereich eine gute zukunft in kanada erwartet – dies wäre in einem riesigen, unberührten waldgebiet wohl kaum von interesse, geschweige denn überlebensfähig.
    liebe grüße unbekannterweise aus oberfranken, ojk

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